Die Geschichte eines Wandteppichs

Der verlorene Sohn
Bildrechte: Regina Velte

„Der verlorene Sohn“

Laßt uns das Leben noch gestalten solange wir die Fäden halten... Unter diesem Motto soll hier zusammen getragen werden, wie der Wandteppich „Der verlorene Sohn“, der über 30 Jahre im Eingang zu den Gemeinderäumen der Christuskirche hing und nun, nach Renovierung, Um- und Anbau, neu aufgehängt werden soll, seinerzeit entstanden ist.

„Vor langer, langer Zeit...“, so beginnen normalerweise Märchen. Hier war es Realität. Es liegt schon lange zurück, dass sich eine Gruppe von Frauen aus unserer Kirchengemeinde regelmäßig jeden Montag in unserem Gemeindehaus traf, zum Weben und Stricken. Die Liebe  zur alten Handarbeitstechnik des Webens verband die Frauen in der Gruppe, die von Frau Regina Velte seinerzeit ins Leben gerufen wurde. Sie war es auch, die den Teilnehmerinnen die Grundkenntnisse der Webtechnik  näher brachte. 

In dieser Zeit wurden auch 2 Wandteppiche gefertigt, einer für unsere Gemeinde und einer für die Bücherei in Veitshöchheim. Das hört sich einfach an, doch bis dahin war es ein weiter Weg. Da es keine Auftragsarbeit war, musste zunächst überlegt werden, welche Motive diese Wandteppiche behandeln sollten. Schnell war das Thema für einen Teppich gefunden, „Der verlorene Sohn“, aus dem Lukas-Evangelium Kap 15, 11-32. Das Thema sollte frei gestaltet werden, es sollte eine Umsetzung der eigenen Gedanken zu dieser Bibelstelle werden. Dabei waren die Fragen, wie groß soll der Wandteppich werden, welches Material, welche Farben sollen verwendet werden, ist es möglich dass jedes Mitglied einen Teil fertigt und doch hinterher alles zusammenpasst? Ganz wichtig auch, welche Szenen sollten wie dargestellt werden? Es gab keinen detaillierten Entwurf, der 2,40m x 1,90m große Teppich wurde aus 12 Teilen zusammengesetzt. Um all diesen Fragen nachzugehen, hier die Ausführungen von Frau Regina Velte, die seinerzeit den ganzen Vorgang schriftlich dokumentiert und so ermöglicht hat, dass heute nach über 30 Jahren, die Entstehung auf unserer Homepage noch einmal nachvollzogen und verewigt werden kann. An dieser Stelle zitiere ich aus den Unterlagen:

„Im Vordergrund stand das gemeinsame Erarbeiten. Jedes der 12 Teilstücke, die noch vage zu erkennen sind und nach dem Zusammenfügen übersticht wurden, sollte von einer Stickerin selbst gestaltet werden. Wir verzichteten also darauf,  eine komplette Vorlage zu entwerfen. Festgelegt in Form einer Skizze wurden lediglich die einzelnen Szenen. Ich nenne hier zuerst die 4 Hauptszenen:

  1. der Sohn bekommt seinen Erbteil, Abschied von den Eltern
  2. Der Sohn verschwendet sein Geld in der Stadt.
  3. Der Sohn muss sich bei einem Bauern verdingen, er hütet die Schweine.
  4. Der Vater nimmt den verlorenen geglaubten Sohn wieder auf.

Wir verbanden diese Szenen durch einen Weg, den wir uns symbolisch als Lebensweg vorstellten. Da wir einen Erzählteppich im Sinn hatten, fügten sich wie von selbst die verbindenden Szenen ein. Ich möchte nun in Form einer Bildbeschreibung am Anfang beginnen.

Bild 1: Der Sohn bekommt seinen Erbteil ausgehändigt. Man sieht den Geldbeutel, der Vater überreicht ihm einen goldenen Ring, ein Symbol der Treue. Die Mutter, die im Gleichnis nicht erscheint, haben wir hier mit eingeführt. Ausdruck unseres neuen Selbstbewusstseins? Der Bruder nimmt am Abschied nicht teil. Er steht abseits und sät das Feld.

Bild 2: Der Sohn verlässt seine Heimat und zieht fröhlich in die Welt hinaus, umgeben von bunten Blumen und Sträuchern, ein heiterer junger Mann. Aber schon kündigt sich in der Schlange die kommende Versuchung an.

Bild 3: Er kommt in die Stadt, angedeutet durch das Tor. Die höfischen Damen in luxuriöser Umgebung stehen im Gegensatz zu dem sonst ländlichen Charakter des Bildes. Im Vordergrund der eitle Pfau, die unheilverkündende schwarze Katze sitzt warnend vor dem Tischchen, auf dem Würfel und Becher zu sehen sind. Der Sohn hat seinen Geldbeutel nicht mehr in der Hand, er prostet den Damen zu.

Bild 4: Die vierte Szene zeigt den tiefen Fall des Sohnes. Er wurde aus der Stadt geworfen und liegt tief unten am Boden. Der Weg verliert sich.

Übergang: Der Wald wird kahler, die Farben weniger leuchtend, 2 Enten beleben den düsteren Tümpel. 

Bild 5: Nun ist der Sohn in der demütigendsten Position seines Lebens angelangt. Er muss sich bei einem Bauern verdingen und die Schweine hüten. Hier geht ihm auf, was er verloren hat. Er schlägt die Hände vors Gesicht und geht in sich. Die Klarheit der Landschaft, der kahle Baum, schwarze Vögel die ihn umflattern sollen das verdeutlichen. Er sitzt abgewandt, sein Kleid ist schmutzig. Doch der kleine bunte Hahn kündigt Hoffnung an, das Leben ist noch nicht zu Ende. Der Sohn erinnert sich seines Vaters, er kehrt um. 

Bild 6: Hier findet die Rückkehr und Aufnahme des verlorenen Sohnes durch den geliebten Vater statt. Der Sohn in bittender um Verzeihung flehender Gebärde, der Vater mit freudig ausgebreiteten Armen.

Bild 7: Das Festmahl ist in offener Landschaft unter strahlender Sonne  bereitet. Eine Apotheose der Freude über die Heimkehr des Sohnes. Speisen werden herbei getragen. Der Vater sitzt neben dem Sohn und legt den Arm um seine Schulter. Eine weiße Taube kündigt von Frieden und Versöhnung.

Unser letzter Blick gilt dem Bruder, der abgewandt vom Betrachter sein Feld erntet. Säen und ernten des Daheimgebliebenen 2. Sohnes war uns Symbol für das Bodenständige und Heimatverbundene. Er widmet sich seiner Arbeit, lässt sich nicht beirren oder verführen.

Die sich zum Mittelpunkt hinziehende Stellung des Bruders ist gleichsam eine 2. Geschichte. Aber auch aus kompositorischen Gründen bedurfte es einer beruhigenden Zone im Mittelpunkt des Bildes.

Das ganze Geschehen entwickelt sich auf dem Weg im Hintergrund einer fränkischen Landschaft. Wir sehen ein fränkisches Dorf, Weinberge, das Kirchlein auf dem Berge ist unschwer als „Maria im Weingarten“ zu erkennen. Das Streuobst, Rebhühner, Elstern, Eulen, Rehe, Hasen, Storch und Specht, den Pavillon aus unserem  Veitshöchheimer Hofgarten, das Käppele inmitten von Weinbergen, sogar der Main, alles in buntem Wechsel.

Das ist das beglückende an einer freien Gestaltung, dass alles erlaubt ist, es muss nur in Harmonie zueinander stehen.“

Soweit die Ausführungen aus den umfangreichen Aufzeichnungen der Entstehung des Wandteppichs. In den Aufzeichnungen gibt es auch noch einen Beitrag zu der verwendeten Symbolik im Wandteppich, der hier auch noch zitiert werden soll.

„Eine festgelegte Symbolik über die Jahrhunderte hinweg gibt es nicht. Jede Zeit hat ihre eigenen Symbole. Die mittelalterliche Symbolik war eine Wissenschaft, die man heute nicht mehr benötigt, weil wir lesen und schreiben können. Trotzdem ist unser Teppich voll von Symbolen.

Der Weg, die Tiere, der Ring, der abgewandte Bruder und auch die Farben möchte ich hier noch einmal nennen.

Rot, ist nach mittelalterlicher Tradition das Symbol der wiedergeborenen Liebe, die Farbe, die wir dem Vater gaben. Blau, das Symbol der Wahrheit und Ewigkeit Gottes nahmen wir uns für die Mutter. Rot und blau halten sich die Waage im Violett, die Farbe, die uns für den Sohn richtig erschien.

Die vorherrschende Farbe im Gesamteindruck des Teppichs ist grün. Das hat sich im Entstehungsprozess ergeben, wir haben das nicht von vornherein festgelegt. Im Volksmund ist grün die Farbe der Hoffnung und das ist es eigentlich, was wir mit unserer gemeinsamen Arbeit ausdrücken möchten, ein Symbol des Zusammenfindens, des Hoffens auf Toleranz und Versöhnung.“

Je intensiver man sich mit dem Gleichnis, den umfangreichen Unterlagen und dem Wandteppich beschäftigt, je deutlicher wird die Einzigartigkeit, die seinerzeit in einjähriger Arbeit entstanden ist. Ohne eine ausgeprägte Gemeinschaft wäre der Wandteppich in dieser Form und Art der Entstehung nicht zu realisieren gewesen. Da ist es auch kein Wunder, dass das Werk in der Presse und in zahlreichen Ausstellungen überregional Beachtung erfahren hat. Insbesondere kam ich nach stöbern in den Aufzeichnungen zu der Überzeugung, dieser Wandteppich muss wieder einen zentralen Platz in unserem Gebäude finden. An dieser Stelle ganz herzlichen Dank an Regina Velte, dass sie ihren Ordner und ihre Bilder für diese Recherche zur Verfügung gestellt hat. Danke für die Mühen der Dokumentation und für die Erlaubnis alles auf unserer Homepage veröffentlichen zu können!